Auf den ersten Blick klingt diese Idee genial: Eine App, die hilft, die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Aber gerade um diese App gibt es jetzt viel Streit. Worum es geht? Der Streitpunkt steckt im Namen des Softwaresystems: PEPP-PT-Projekt. PEPP-PT steht für „Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing”. Und bei „Tracing“, dem englischen Begriff für „Nachverfolgung“, müssen wir hellhörig werden. Denn dieses europäische System dient der Nachverfolgung von Kontaktpersonen Infizierter. Und da läuten bei mir alle Alarmglocken! Der Schutz unserer Privatsphäre könnte hier in Gefahr sein! Unser Schutz vor Corona-Infektionen darf nicht in Totalüberwachung enden!

Die Markteinführung dieser App ist bereits geplant, nur verzögert sie sich laut Jens Spahn bis Mitte Mai. Natürlich beschwichtigt er, alles soll anonym bleiben und auf Freiwilligkeit beruhen. Auch Standortdaten sollen nicht festgehalten werden. Spahn verwies dabei an die „hohen Anforderungen an Datensicherheit und – schutz“. 

Aber wer weiß, vielleicht wird es gar nicht erst dazu kommen, denn im Streit um die technische Ausrichtung der App sowie um mangelnde Transparenz in der Projektleitung sind jetzt mehrere der Beteiligten ausgestiegen. Nicht nur irgendwelche, sondern gewichtige Mitinitiatoren distanzieren sich von diesem Projekt, wie Prof. Marcel Salathé von der EPFL in Lausanne, das italienische Istituto per l’Interscambio Scientifico, die ETH Zürich, die belgische KU Leuven, und das Helmholtz Center for Information Security (CISPA). Selbst die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) stellt sich nicht länger uneingeschränkt dahinter.

Bei dem Streit geht es um die Frage, ob das PEPP-PT-System ein dezentrales ist oder auf zentralen Servern läuft. Und auf letzterem gibt es einen Server, der potentiell alle Nutzerdaten „de-anonymisieren“ könnte. „Eine Hintertür für Geheimdienste“ laut einem Entwickler. Die Anhänger des dezentralen Systems glauben jedenfalls nicht mehr, dass die zentrale Variante nicht geplant sei, auch wenn sich Projektsprecher Hans-Christian Boos anderweitig äußert. 

Ich kann mir vorstellen, dass die Spanne von Freiwilligkeit bis hin zu Zwang sehr kurz sein kann, wenn es um den „epidemiologischen Nutzen“ geht. Und wenn erst einmal alle unsere Daten zur Verfügung stehen, steht dem „gläsernen Menschen“ nichts mehr im Weg. 

Hintergrund: Dieses von einem internationalen Team unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik (auch das RKI ist involviert) entwickelten europäischen PEPP-PT-Systems funktioniert mit Bloothooth-Technologie. Es erzeugt alle paar Minuten eine ID-Nummer und sendet diese aus. Wenn zwei Geräte weniger als zwei Meter voneinander entfernt waren, werden die beiden (anonymen) ID-Nummern auf beiden Telefonen abgespeichert. Sollte einer der Nutzer dann an Corona erkranken, kann er eine Nachricht an die andere Person, mit der er Kontakt hatte, senden. Diese sollte sich dann testen lassen. 

https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/corona-update-zum-21-april-die-tracing-app-und-die-daten/

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Corona-Tracing-App-Absetzbewegungen-beim-multinationalen-Projekt-PEPP-PT-4705279.html?view=print