Der aus Amerika stammende Begriff mag hierzulande (relativ) neu sein, aber die sich dahinter verbergende Methode ist alt und effektiv: „Cancel Culture“. „Cancel Culture“ beschreibt den Trend, dass eine Person, deren Meinung als zu kontrovers gilt und nicht dem gängigen Meinungsbild entspricht, von einer Gruppe öffentlich (primär in den sozialen Medien) diskreditiert und gemobbt wird. Man will sie praktisch mundtot machen. Ich finde den vom britischen Philosophen John Gray kreierten Begriff „Twitter-Maoismus“ sehr passend, denn schon während Maos Kulturrevolution in China (1966-1976) gehörten Propaganda und Repression zu den Werkzeugen der Roten Garde. Auch wir leben nicht länger in einer freien Gesellschaft, der Raum des Denk- und Sagbaren wird immer kleiner. Wie wir alle wissen, sobald Themen wie Klimawandel, Migration oder Energiewende debattiert werden, ist man sofort „im Aus“, wenn man nicht die Mainstream-Meinung teilt. Für #Meinungsfreiheit, gegen ideologische Konformität durch #CancelCulture“ und „WokeCulture“. #Bernhard

Dieses Phänomen resultiert aus der linken „Woke“-Bewegung, ebenfalls ein Begriff aus dem US-amerikanischen Kontext. «Woke» sein kam unlängst wieder im Kontext der #BLM-Bewegung auf und bedeutet allgemein, dass sich Leute „politisch und sozial bewusst sind“ und „um Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten“ wissen. So jedenfalls die offizielle Erklärung auf Wikipedia…
Hochgekocht ist das Problem um die „Cancel Culture“ in der vergangenen Woche, als die liberale Journalistin und Kolumnistin Bari Weiss ihren Rücktritt bei der «New York Times» in einem offenen Brief erklärte. Ihrer Aussage nach herrschten bei der NYT Einschüchterung und Mobbing, und wer nicht die gewünschte Meinung vertrete, werde zermürbt. In ihrem Brief, den sie auf ihrer eigenen Webseite veröffentlichte, hält sie der NYT vor, dass sie Twitter zwar nicht im Impressum aufführe, doch „Twitter der alles entscheidende Redakteur“ geworden sei.

Zusammen mit 153 anderen Autoren, Wissenschaftlern und Intellektuellen wie Noam Chomsky, Margaret Atwood, Steven Pinker, Martin Amis, Salman Rushdie und J.K. Rowling unterschrieb Bari Weiss vor einigen Tagen in der angesehenen Zeitschrift „Harper’s Magazine“ einen offenen Brief , der sich gegen ein zunehmend illiberales Meinungsklima in den USA wendet und in dem sie vor einer Bedrohung des intellektuellen Lebens in den USA warnen: „Der freie Austausch von Informationen und Meinungen, die Lebensader einer liberalen Gesellschaft, wird täglich eingeschränkt“, heisst es u.a. Die Autoren beklagen eine „erdrückende Atmosphäre“: „Wir müssen uns die Möglichkeit bewahren, Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben und ohne schlimme berufliche Konsequenzen auszutragen“.

Aber wir müssen gar nicht über den großen Teich schauen – auch hierzulande ist der Zustand in unserer Gesellschaft und in den Medien (Sie kennen die Namen) ähnlich. Menschen sagen aus Angst vor Verleumdung in der Öffentlichkeit nicht mehr, was sie wirklich denken. Und in den Medien gibt es keine Offenheit für unterschiedliche Meinungen, Leser/Zuschauer werden darüber belehrt, was sie zu denken haben. Haltungsjournalismus in seiner extremsten Form statt neutraler Berichterstattung. Was nicht ins Bild passt, darüber wird nicht oder wenn, dann nicht in differenzierter Darstellung, berichtet. Alleine die Berichterstattung in der „SZ“ über den Vorfall bei der NYT spricht für sich (Link siehe unten).

Brauchen auch wir in Deutschland einen solchen offenen Appell? Ich denke ja, die Umstände sind ähnlich. Sehr klar ist die Begründung des Harvard-Professors Steven Pinker in einem Interview mit „CBC News“, warum er den offenen Brief in „Harper’s Magazine“ unterschrieb: Zum einen werde durch die sogenannte „Cancel Culture“ das Leben unschuldiger Menschen ruiniert. Zum anderen würde eine jüngere Generation von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern eingeschüchtert und traue sich nicht mehr, eine andere Meinung zu äußern. Außerdem lähme der Trend, Menschen mit anderen Überzeugungen zu verleumden oder zu feuern, die Fähigkeit, kollektiv Probleme zu lösen. Der Kognitionswissenschaftler betonte, dass niemand allwissend sei. Wenn nur bestimmte Ideen diskutiert werden dürften, bleibe man unwissend. Dem kann ich nur beipflichten.

Links:

Offener Brief für Meinungsfreiheit:
https://harpers.org/a-letter-on-justice-and-open-debate/

Professor Steven Pinker in Interview mit CBC News:
https://www.facebook.com/cbcnews/posts/10158854092449604

Artikel über Bari Weiss in der „SZ“:
https://www.sueddeutsche.de/medien/bari-weiss-new-york-times-1.4968391

https://www.achgut.com/artikel/demontage_der_demokratie

https://www.tichyseinblick.de/tichys-einblick/der-spiegel-gibt-auf-neutraler-journalismus-war-gestern/