30 Jahre nach der Wende scheint aufzubrechen, was jahrelang unter der Oberfläche schwelte. Der Spiegel machte „den Ossi“ sogar in der aktuellen Ausgabe zur Titelstory unter dem Motto „So isser, der Ossi“ und versucht in einem mehrseitigen Beitrag zu analysieren, wie es denn sein könne, dass „nirgendwo sonst im Land die AfD so stark ist wie im Osten“. Die im entfernten Hamburg ansässige Redaktion wirft einen „Blick in die ostdeutsche Seele“. Und verstanden haben sie eigentlich gar nichts. Zumal dies schon der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz mit seinem Bestseller „Der Gefühlsstau“ (sehr lesenswert!) getan hat, mit dem Unterschied, dass er in der DDR gelebt hat.

Ist „der Ossi“ denn tatsächlich so „politisch und charakterlich“ belastet, wie es der Historiker Arnulf Baring in seiner Einschätzung ehemaliger DDR-Bürger formulierte? Ich habe den Eindruck, dass man den ostdeutschen Mitbürgern unterstellt, nicht „ganz bei Trost zu sein“, wenn sie die AfD wählen. Gerade die Linke hegt tiefe Ressentiments gegen die Ostdeutschen, denn mit der Wiedervereinigung wurde der Traum (den sie ja gefahrlos träumen durften, schließlich haben sie alles aus sicherer Entfernung erlebt) zerstört. Das nehmen ihnen viele Linke immer noch übel. Und jetzt machen „die Ossis“ wieder, wie sie wollen und richten sich nicht nach dem bundesrepublikanischen Konsens.

Ich erinnere mich noch daran, welcher Hass sich auf die Ostdeutschen nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse im September 2017 entlud. Ansgar Mayer, wohlgemerkt der damalige Direktor für Kommunikation der Erzdiözese Köln, twitterte doch tatsächlich: „Tschechien – wie wär’s: wir nehmen Euren Atommüll, Ihr nehmt Sachsen?“ Das ist menschenverachtend und er musste von seinem Amt zurücktreten. Aber es würde mich nicht überraschen, wenn nach den Wahlen diesen Sonntag in Sachsen und Brandenburg wieder ähnliche hasserfüllte Kommentare die Medienlandschaft durchziehen. Die „Bild“ titelt jetzt schon „Es wird eine Wut-Wahl!“ und „Die politische Landschaft im Osten wird sich drastisch verändern“.

In Brandenburg sind diesen Sonntag zwei Millionen Menschen zur Wahl aufgerufen, in Sachsen dürfen rund 3,3 Millionen Bürger ihre Stimme in die Urne werfen. Den Altparteien droht ein Debakel und der medienweite Aufschrei hallt aus allen Ecken dieses Landes. Das Bild auf dem Spiegel-Cover ist nicht zufällig gewählt – es zeigt ein Deutschland-Käppi, so eines, wie es im vergangenen Jahr ein Pegida-Demonstrant trug. Sofort soll augenscheinlich der Begriff „Ossi“ mit dem Image krakeelender Rechtsextremer belegt werden. Noch vor dem Lesen des Artikels ist klar, worauf abgezielt wird: Wie kann es sein, dass „der Ossi“ nicht konform läuft und, so wie es die aktuellsten Umfragen andeuten, den Altparteien bei den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Brandenburg und Sachsen eine Klatsche verabreichen wird?

Aber Bevormundung und Unterdrückung politisch Andersdenkender war die normale Erfahrung in der DDR. Und Ostdeutsche haben genügend Erfahrung mit Medien gesammelt, die propagieren statt kritisch zu analysieren, und die Menschen in eine bestimmte Richtung erziehen wollen. Und wie ich von vielen Besuchen vor Ort weiß, stellen gerade die Ostdeutschen derzeit mit Erschrecken fest, dass Deutschland der DDR immer ähnlicher wird und Andersdenke gleich in die rechte Ecke gestellt werden. Probleme werden bewusst nicht analysiert, sondern mit einem „Wir schaffen das“ beantwortet. Das ist schon lange keine Demokratie mehr, sondern ähnelt den Erfahrungen in einer Diktatur mit fehlender Meinungsfreiheit und Diskriminierung Andersdenkender. Deshalb diesen Sonntag wählen gehen, für mehr Demokratie, Sicherheit und unsere Heimat! #Bernhard